Tiroler Hindukusch Ski Expedition 1970

Im Jahre 1895 vermerkte der II. Jahresbericht des „Akademischen Alpenclubs Innsbruck“ „die Skifahrt unseres Mitgliedes M. Peer auf den Glungezer (2676 m), wohl die größte mit Ski bisher erreichte Höhe“. 75 Jahre später mußte man etwas weiter fahren, um einen Höhenrekord auf Skiern zu brechen. Die Klübler Roland Schulz, Hansjörg Moser, Uli Schwabe, Karl Gabl, Gerd Gantner und Jörg Schmidl sowie Gerhard Markl vom Akademisch Alpinen Verein Innsbruck setzten sich in den Kopf, im Sommer 1970 im Hindukusch Ski zu fahren und organisierten die Tiroler Hindukusch-Ski-Expedition des AAKI, die von der Klubkasse bzw. durch Privatspenden von Klüblern mit insgesamt ÖS 50.000.- subventioniert wurde. Das Ziel der Reise, die erste Skiabfahrt von einem knapp 7500 Meter hohen Gipfel, dem Noshaq, wurde erreicht.

KB Hansjörg Moser schildert das Gipfelerlebnis und die Abfahrt vom Noshaq

Dem Wind den Rücken zugekehrt, beugen wir uns über unsere Rucksäcke und suchen nach wärmeren Kleidungsstücken. Noch vor wenigen Minuten hatte ein klarblauer Himmel über uns geleuchtet. Jetzt stehen wir auf dem schmalen Gipfel, umgeben von grauem, undurchsichtigem Nebel. In 7.492 Meter Höhe. Worte werden kaum gewechselt. Nur ein knappes: „Wie geht’s?“, ein kurzer Händedruck. Wir sind zu viert. Roland fehlt noch. Wir haben ihn zuletzt 200 Meter unter dem Gipfel gesehen. Einer von uns rammt zwei Schier in die Gipfelwächte und verknotet mit steifen Fingern den Klubwimpel daran. Ich hocke auf meinem Rucksack, die letzten drei Wochen ziehen noch einmal vorbei. Ich denke an Jörg, der schon am zweiten Tag im Basislager an Gehirnhautentzündung erkrankt war, der kurz darauf das Bewußtsein verloren hatte und den wir nur unter schwersten körperlichen Strapazen auf einer Notbahre rechtzeitig ins Tal schaffen konnten. Ich denke auch an Roland, der das persönliche Opfer brachte, den Schwerkranken in das drei Tage entfernte Kabul zu bringen und den Rückflug in die Heimat organisierte. Erst vor wenigen Tagen ist Roland wieder zu uns gestoßen. Ihm macht heute die Höhe mehr zu schaffen als uns, die wir schon lange akklimatisiert sind. Meine Gedanken wandern auch zu Gerd Gantner, der jetzt im Basislager sitzt und sich von der heimtückischen Höhenkrankheit erholen muß, die ihn während des ersten Gipfelansturms in Lager III in 6.900 Meter Höhe befallen hatte. „Roland!“, „Bravo, Roli!“, „Wie geht’s?“ ruft einer. Nur noch wenige Meter trennen Roland vom Gipfel. Die Steigfelle finden auf dem schmalen, verharschten Schneeband, das hier heraufführt, kaum Halt.

Hindukusch 1970 AAKI teamDas Team der Hindukusch-Ski-Expedition, v.l.n.r.: Uli Schwabe, Hansjörg Moser, Roland Schulz, Gerhard Markl, Karl Gabl, Gerd Gantner.

Auf seine beiden Schistöcke gestützt, atmet Roland die eiskalte Luft in tiefen Zügen ein. Ohne ein Lächeln reicht er uns die Hand. Dem Uli, dem Gerhard, dem Charly und mir. Ein Händedruck, eine Mischung aus Dankbarkeit und Freundschaft, aus Erfolgsfreude und zugleich Ungewißheit. Die Zeit drängt. Es ist bald 15 Uhr und das Basislager liegt 3.000 Meter tiefer. In Foto und Film versuchen wir, diesen Augenblick am Gipfel festzuhalten. Dann packen wir die Fahnen ein, schnallen die Schier an.

Schiabfahrt

Auf einem nur drei Meter schmalen Grat kurven wir vorsichtig hinunter. Der Schnee ist hart und verweht und die Sicht miserabel. Aber schon bald durchstoßen wir die Nebeldecke. Wir erkennen die Scharte, durch die wir von der Westseite auf die Südseite des Massivs gelangt waren und fahren darauf zu. Durch eine steile Rinne erreichen wir den Hang, der zu Lager III führt. Jetzt tauchen wir in lockeren Pulverschnee. Und zuerst ganz vorsichtig, dann immer schneller werdend, zeichnen wir Bogen für Bogen in den Hang, bis das Herz klopft, als würde es zerspringen.Erst jetzt, 3.000 Meter unter dem Gipfel, überkommt mich dieses Gefühl des Freiseins, der Einmaligkeit, des Glücks, der Freude über den Sieg und der Dankbarkeit, alle Gefahren und Strapazen heil überstanden zu haben. Wir bauen Lager III ab, durchklettern die darunter liegende 150 Meter hohe Felswand und schnallen uns wieder die Schier an. Zu Anfang läuft es noch nicht richtig, der verwehte Schnee bremst. Doch bald kommt wieder lockerer Pulver und wir schwingen über die steilen Hänge, als wären wir in den Alpen. Vorbei an Lager II und I geht die Abfahrt hinunter bis fast zum Basislager in 4.500 Meter Höhe. Die Dämmerung hat uns längst eingeholt, als wir ins Küchenzelt treten, wo Gerd den müden Gipfelstürmern heißen Tee kocht. Vor dem Einschlafen fallen noch einmal die Gedanken, die Erinnerungen der letzten Stunden wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Keiner sagt etwas. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Und alle freuen sich darüber, etwas Außergewöhnliches gemacht zu haben. Wir sind die ersten Schiläufer, die von einem 7.500 Meter hohen Gipfel abgefahren sind.