Manaslu 1972

Unser Klubbruder Wolfgang Nairz war Leiter der Tiroler Himalaya-Expedition 1972 zum Manaslu. Die Expedition stand unter dem Ehrenschutz des Landeshauptmannes von Tirol und wurde von der Tiroler Landesregierung, dem Unterrichtsministerium, der Südtiroler Landesregierung, dem ÖAV, dem AVS, dem AAKI und zahlreichen privaten Spendern unterstützt. Die Teilnehmer waren durchwegs Bergführer, unter ihnen einige der besten Bergsteiger Tirols: Reinhold Messner (27), Andi Schlick (27), Franz Jäger (29), Hansjörg Hochfilzer (26), Horst Fankhauser (28), Hans Hofer (30), Josl Knoll (48) und Expeditionsarzt Dr. Oswald Ölz (29). Sie wurden von elf tüchtigen Sherpas unter Sirdar Urkien begleitet, von denen drei bereits 1971 am Mt. Everest ohne Sauerstoff Lasten bis zum letzten Lager getragen hatten. Auch die Sherpas bezeichneten das Ziel der Expedition, die Manaslu-Südwand, als schwieriger als alle Routen, die sie kannten, einschließlich der direkten Everest-Südwand.

Wolfi Nairz berichtet selbst:

In den fünfziger Jahren begann der Sturm auf die Achttausender. Heute sind alle Achttausender bereits bestiegen und man versucht nun, schwierigere Routen auf die Berge der Welt au finden. Nach der Annapurna-Südwand (3.000 m Durchstiegshöhe), der Nanga Parbat Rupalflanke (4.500 m), der direkten Diamirflanke (fast 4.000 m) und dem Makalu-Westpfeiler (3.100m) war die Manaslu-Südwand, mit einer Wandhöhe von 4.000 m die vierte Riesenflanke eines Achttausenders, an die sich ein Unternehmen im direkten Durchstieg wagte.

Das Team

Wir waren ein kleines, aber starkes Team, eine Mannschaft von Freunden, die sich von gemeinsamen Bergfahrten in den Alpen kannten. Sicher war das auch die Grundlage für die vorbildliche Kameradschaft vor, während und nach der Expedition.

Die Mannschaft, deren Leiter ich war, setzte sich wie folgt zusammen:

Reinhold Messner, 27 Jahre, einer der derzeit besten Bergsteiger der Welt, 1. Begehung des Nanga Parbat über die Rupalflanke mit Abstieg über die Diamirflanke

Dr. Oswald Ölz, 29 Jahre, Expeditionsarzt, Expeditionen in Ostafrika und Bhutan

Anmarsch

Zehn Tage marschieren wir von Pokhara aus mit 90 Trägern und ca. 2.700 kg Gepäck durch das Marsyandi-Tal und das Dona Khola bis ans Ende des Thulagi-Gletschers, wo ein vorläufiges Basislager errichtet wird. Am 29. März stand das endgültige Basislager in einer Höhe von 4.300 m am Fuße der Manaslu-Südwand.

Erkundung

Die nächsten Tage galten der Erkundung. Vorerst waren wir bedrückt: Ein gewaltiger Eisbruch führte links eines Pfeilers herunter. In einer Stunde konnten wir 15 Eislawinen zählen – ein Durchkommen war dort unmöglich. Rechts des Pfeilers bedrohten gewaltige Eisbalkone den Aufstieg. Es gelang uns aber doch, eine sichere Aufstiegsroute zu finden. Sie gliederte sich in vier Abschnitte:

1. Nur über einen 600 m hohen, teilweise überhängenden Felspfeiler war es möglich, in den Mittelteil der Wand zu gelangen. Teilweise wies der Fels den Vl. Schwierigkeitsgrad auf und man kann die Kletterei mit der Gr. Zinne-Nordwand (Comiciführe) vergleichen. Der gesamte Pfeiler wurde mit Strickleitern und fixen Seilen versehen, um den Sherpas einen sicheren Lastentransport zu ermöglichen. Über dem Pfeiler befand sich eine Eiswand, die in das anschließende Eislabyrinth führte. Wir errichteten das Lager L am Pfeilerkopf in 5.300 m Höhe.

2. Durch das Eislabyrinth gelangt man in das ca. 6 km lange „Schmetterlingstal”. Der Eisbruch wurde mit 300 Bambusstangen markiert, um auch bei schlechtem Wetter wieder durchzufinden. In der Mitte des „Schmetterlingstales” stand in 5.850 m Höhe Lager II, am Ende, am Südwestsattel, Lager III auf 6.600 m.

3. Von Lager III ermöglicht eine steile Eiswand, an Länge, Steilheit und Schwierigkeit mit der Ortler Nordwand zu vergleichen, den Aufstieg zum Gipfelplateau, wo auf 7.400 m Lager IV errichtet wurde.

4. Das Gipfelplateau, ca. 2,5 km lang und 1,5 km breit, im unteren Teil sehr flach und ungefährlich. Am Ende ein Grat, der zum Gipfel führt.

Durchstoß und Lagerkette

In der ersten Aprilwoche gelingt der endgültige Durchstoß ins ,,Schmetterlingstal”. Am 9. April wird Lager II errichtet. In der Nacht wird dieses Lager durch eine Lawine verschüttet und teilweise zerstört. In derselben Nacht finden zehn Sherpas und fünf Teilnehmer einer südkoreanischen Expedition an der Nordseite des Manaslu den Tod durch eine Lawine. Das Wetter bleibt weiter schlecht und alle Teilnehmer steigen ins Basislager ab.

Mitte April wird Lager Il wieder aufgebaut, der Lastentransport über den überhängenden Teil des Felspfeilers ist in vollem Gange. Zur Akklimatisation besteigen Josl Knoll, Hans Hofer und Hansjörg Hochfilzer den 5.850 m hohen „Führergipfel”, Reinhold Messner gelingt die erste Besteigung des 6.900 m hohen „Hervis-Peak”, Horst Fankhauser und ich besteigen erstmals die 6.650 m hohe „Stubaier Spitze”. In den darauffolgenden Tagen erreichen alle Teilnehmer Lager III.

In 2 Etappen wurde von Reinhold Messner und Franz Jäger mit Unterstützung von Sherpas Lager IV in 7.400 m Höhe aufgestellt.

Gipfelangriff

Manaslu 1972

Der erste Gipfelangriff wurde bis ins kleinste Detail vorbereitet und für den 25. April festgesetzt. Alle Expeditionsteilnehmer waren zwischen L II und L IV verteilt, eine längere Schönwetterperiode hatte die Voraussetzungen für den geplanten Angriff geschaffen und ließ einen planmäßigen Verlauf erhoffen.

Der Manaslu mit seiner 4000 m hohen Südwand.

In den frühen Morgenstunden starteten Reinhold und Franz in Richtung zum Gipfel. Gleichzeitig stiegen Horst Fankhauser und Andi Schlick zur Unterstützung der Gipfelmannschaft nach L IV auf. Hans Hofer und Hansjörg Hochfilzer, die sich für den Aufbau der Lagerkette besonders eingesetzt hatten, kehrten für eine Erholungspause ins Basislager zurück. Josl Knoll, der Sirdar Urkien und ich rückten nach L III vor.

Über das Hochplateau des Manaslu kam die Gipfelmannschaft auf Grund der guten Schneeverhältnisse und des für den Manaslu einmaligen Wetters überraschend schnell voran. Da am Beginn keine klettertechnischen Schwierigkeiten zu überwinden sind und spaltenfreies Gelände zu finden ist, gingen sie seilfrei. Gegen 10.00 Uhr vormittags – die beiden befanden sich am Beginn zweier Steilaufschwünge, die zum Gipfelgrat führen – entschloß sich Franz Jäger, allein ins Ausgangslager zurückzukehren. Er hatte Bedenken, den Gipfel und den Abstieg am selben Tag noch zu schaffen und wollte unter keinen Umständen biwakieren. Reinhold fühlte sich noch in bester Verfassung. Auch er wollte die Risiken einer Biwaknacht in der Todeszone nicht eingehen, aber er glaubte, den Gipfel ohne Biwak schaffen zu können. Zwischen L IV und dieser Stelle war nur Gehgelände. Es bestand keinerlei Absturzgefahr, das Wetter versprach gut zu bleiben und keiner zweifelte, daß Franz allein ins Lager zurückkommen würde. Er war in guter körperlicher Verfassung, bestens ausgerüstet und versprach, in L IV auf Reinhold zu warten und Tee zu kochen.

Reinhold setzte vereinbarungsgemäß den Aufstieg alleine fort. Über zwei steile Firnhänge erreicht er den Gipfelgrat und über diesen in mäßig schwieriger Kletterei um 14.00 Uhr den höchsten Punkt. Damit war der Manaslu nicht nur erstmals von Süden her, sondern auch ohne Sauerstoff bezwungen.

Schneesturm und verzweifelte Suche

Der Abstieg verlief anfangs reibungslos und rasch. Plötzlich und unerwartet kamen Nebel und Schneesturm auf und der weitere Abstieg wurde zum Wettlauf mit dem Tod. Während Reinhold sich über die Aufstiegsroute hinabkämpfte, vermutete er Franz in Sicherheit im Zelt in L IV. Der Schneesturm steigerte sich, es war unmöglich, mit Brillen zu gehen, Mund und Nase vereisten, und die Lage schien hoffnungslos. Reinhold irrte am Gletscherplateau, das Zelt suchend, umher, konnte einige Male Franz’ Stimme hören und wähnte sich dem Zelt nahe. Nach langem Suchen fand er das Zelt und stellt mit Bestürzung fest, daß Franz nicht da war, nur Horst und Andi befanden sich darin.

Horst verließ sofort das Zelt, um nach Franz zu suchen. Er stieg das Plateau aufwärts und hörte Franz rufen. Er kehrte ins Zelt zurück und stieg zusammen mit Andi neuerdings auf, in der Hoffnung, Franz Hilfe bringen zu können. Sie versuchten, in Richtung der Rufe zu gehen, der Orkan steigerte sich aber von Minute zu Minute und die Rufe verloren sich im Wind. Auf Grund der Wetterbedingungen und der hereingebrochenen Nacht war an eine weitere Suche nicht zu denken. Die einzige Überlebenschance für Horst und Andi bestand darin, sich ein Schneeloch zu graben und darin Schutz vor Sturm und Kälte zu finden. Reinhold verließ in der Zwischenzeit mehrmals das Zelt, um durch Rufe und Lichtzeichen den Freunden Orientierungshilfe zu geben. Immer wartete er vergebens auf Antwort. Der Funkkontakt mit den unteren Lagern wurde die ganze Nacht aufrecht erhalten, aber wir glaubten unsere Freunde im Schutz einer Schneehöhle.

Nach mehrmaligem Drängen von Andi erklärte sich Horst bereit, mit ihm die Schneehöhle zu verlassen, um nach dem Zelt zu suchen. Nach kurzer Zeit mußten sie die Hoffnungslosigkeit ihres Beginnens einsehen und gruben erneut eine Schneehöhle, in der die beiden Schutz fanden. Nach geraumer Zeit verließ Andi die Schneehöhle, mit der Bemerkung, nach dem Wetter zu sehen. Er kehrte nicht mehr zurück. Horst suchte lange nach ihm, fand jedoch keine Spur mehr. Völlig verzweifelt kroch er in die Schneehöhle zurück und wartete dort bis zum Morgengrauen. Nur auf Grund seiner einmaligen körperlichen Verfassung konnte er diese Nacht mit leichten Erfrierungen überstehen. Im ersten Tageslicht vermochte er sich zu orientieren und wühlte sich im tiefen Schnee zum Zelt zurück. Dieses war völlig eingeweht. Nachdem sich Horst einigermaßen erholt hatte, nahmen er und Reinhold die Suche nach Franz und Andi neuerdings auf, mußten aber die Hoffnungslosigkeit ihres Unternehmens einsehen. Da sich das Wetter bereits wieder verschlechterte und an eine Hilfe von unten wegen der herrschenden Lawinengefahr nicht zu denken war – es hatte 1,5 m Neuschnee -, wurde von der Expeditionsleitung der sofortige Abstieg angeordnet. Reinhold und Horst mußten den Abstieg alleine bewältigen. Erschöpft und niedergeschlagen erreichten sie L III, wo sie von Josl betreut wurden, der sie dann nach L Il führte. Dort behandelte der Expeditionsarzt sofort mit intraarteriellen Infusionen die Erfrierungen, die sie sich bei der Suche nach ihren Kameraden zugezogen hatten.

Auch in den folgenden Tagen wendete sich das Wetter nicht zum Besseren, die Lawinengefahr zwischen L III und L IV verschärfte sich, an eine weitere Suche nach den toten Kameraden war nicht zu denken.

Die Expedition wurde abgebrochen. Nach und nach stiegen alle Bergsteiger ins Basislager ab. Nur wenige Stunden nach dem Gipfelsieg hatte ein furchtbarer Wettersturz die Tragödie eingeleitet. Die Tiroler Bergführer, die von Anfang an mit äußerster Vorsicht operiert und alle Schwierigkeiten sicher überwunden hatten, standen diesen Wetterunbilden machtlos gegenüber.

Manaslu_Suedwand