Kaukasus 92

11. Juli bis 2. August 1992

Julian Gröbner

Die ersten Blicke aus dem Flugzeug trogen uns nicht. Wunderbare Fernsicht auf dem Flug nach Mineralie Wody, Hauptziel jedes Kaukasusreisenden. In der Ferne sahen wir einen hohen schneeweißen Doppelgipfel aufragen, weitaus größer als irgend ein Berg ringsum. ‘Niet, no Elbrus’ meinte der Steward auf unsere Fragen. Doch unser Bergsteigerinstinkt konnte uns nicht täuschen, unser Expeditionsziel lag vor uns in seiner ganzen Schönheit, mit seinen zwei berühmten Gipfeln, dem Ost- und Westgipfel. Beide weit über 5000 Meter hoch und erstes Ziel unser Expedition.

Teilnehmer und Anreise

Aufgebrochen waren wir zu dreizehnt, elf Bergsteiger und zwei Bergsteigerinnen, um uns in Moskau mit Vertretern des hiesigen Alpenvereins zu treffen, der den innerrussischen Teil der Expedition organisiert hatte. Nachdem unsere Eisäxte und Eisschrauben ohne Probleme die Grenze nach Rußland passiert hatten, traten auch wir folgsam vor den wachsamen Grenzsoldaten, welcher, in seinem Glaskästchen sitzend, unsere Pässe annahm und sie auf subversive Elemente hin prüfte. Als dann schließlich auch Adi eingelassen wurde, warteten schon Sascha, Boris und Fedia auf uns, um uns zur Moskauer Universität zu bringen, wo wir für zwei Tage untergebracht werden sollten.

Wir luden unsere halbe Tonne an Rucksäcken inklusive 5 Kilo Tiroler Speck in den bereitgestellten Bus und fuhren los. Die zwei Tage Moskau verbrachten wir mit Stadtbesichtigungen. Sie waren für viele von uns die erste Berührung mit einem noch immer sehr kommunistisch geprägten Land. Als hungrige Tiroler galt unser Hauptaugenmerk der Nahrung, die uns einige Angewöhnung abverlangte. Es war nicht so sehr die Qualität, die es uns angetan hatte, sondern vielmehr, mit welch erschreckender Monotonie das gleiche Essen Tag für Tag serviert wurde. Mit der Zeit jedoch trugen wir diese Bürde mit immer mehr Fassung, obwohl der Gang zum Tisch jedesmal von aufmunternden Witzen begleitet war.

Ankunft im Zielgebiet

Als wir um sieben Uhr früh in Richtung Mineralie Wody und unserem Endziel, dem Berglager Elbrus, aufbrachen, waren wir alle voll Tatendurst und voller Erwartungen, was uns der Kaukasus bieten würde. Nach dem zweistündigem Flug stiegen wir in Mineralie Wody in einen Bus um, der uns die restliche Strecke zu unserem Hochlager bringen sollte. Dort angekommen, galt unser erster Blick den umliegenden Bergen, und besonders der Scheldamauer, einer riesigen Wand an der Grenze zu Georgien. Den Elbrus sowie die Uschba konnten wir von unserem Lager aus nicht sehen. Der Elbrus befand sich im Nebental und die Uschba war so weit im Massiv versteckt, daß ihr Anblick nur mit vielen Mühen möglich war.

Akklimatisation

Das Wetter war schön, und wir hatten uns schon einen Plan für die nächsten Tage zurechtgelegt. Auf Betreiben einiger uns begleitender Russen beschlossen wir eine Akklimatisationstour auf den Umutschi zu machen, einen leichten 4000er, wo wir auf 3200 Meter biwakieren würden. Gesagt, getan! Am nächsten Morgen starteten wir in glühender Hitze in die Adyslu Schlucht, Ziel noch einiger späterer Touren. Die staubige Landstraße brachte uns innerhalb kürzester Zeit an einen steilen Aufschwung, den wir zu bewältigen hatten. Und zum ersten Mal fiel uns auf, was uns noch oft befremdet den Kopf schütteln ließ, die dortige Einstellung zum Bergsteigen. Da wo unsereiner schöne, gemütlich ansteigende Kehren erwartet hätte, stieg eine steile, in die Wiese gefurchte Rinne empor, ohne Rücksicht auf jegliche Topographie. Zudem war es schon Mittag und mit unseren schweren Rucksäcken die denkbar schlechteste Zeit, um in der brennenden Sonne hier aufzusteigen. Wohl oder übel stiegen wir los, die Gruppe alsbald zersplittert in viele kleine Teile, die schneller oder langsamer gingen. Der Anblick der gegenüberliegenden Talseite war erhebend, mit vielen eindrucksvollen steilen und ausgesetzten Wänden. Mühevoll kämpften wir uns den Hang hinauf, schon denkend an den Rückweg am nächsten Tag.

Die schönen Almwiesen gingen langsam in Schotterhänge über und Schneeflecken erschienen. Hier war auch unser Biwakplatz, wo schon ein paar russische Zelte standen. Es war noch relativ früh am Nachmittag, und so fingen wir an, uns gemütlich einzurichten, Tee zu kochen und die Zelte aufzustellen. Die Aussicht war prachtvoll, die gesamte Kette von Bscheduch, Ullukara bis Dchantugan lag ausgebreitet vor uns. Beeindruckende Südwände standen uns gegenüber, von einigen, auch heimischen Bergsteigern erstbegangen. Nach Osten hin erstreckte sich das Adylsu Tal bis zu einem Paß, ein Übergang nach Georgien. Dort war auch das grüne Biwak, idealer Ausgangspunkt für einige unserer Touren. Die Abendsonne brachte uns unvergeßliche Stimmungen, die uns den Kaukasus von seiner schönsten Seite zeigten.

Voller Erwartungen legten wir uns in die verschiedenen Zelte nieder, schon gespannt, wie die morgige erste Bergtour verlaufen würde. Nach einer nicht unangenehmen Nacht ging es los, bei sehr milden Temperaturen. Mit einiger Besorgnis fanden wir den Schnee nicht durchfroren vor, vielmehr sanken wir bei jedem Schritt ein. Der Anstieg zum Gipfel verlief dann ohne große Schwierigkeiten, die ausgesuchte Eisschneeflanke hatte sicher nicht die optimalen Bedingungen, doch mit etwas Vorsicht und einiger Wühlarbeit kamen wir relativ schnell voran. Am Gipfel hielt es uns nicht lange, es winkte der lange mühsame Abstieg zum Lager Elbrus.

Elbrus

Wir wollten anschließend gleich zum Elbrus aufbrechen, denn obwohl das Wetter wechselhaft bis schlecht war, hatten wir die Hoffnung mit genügender Hartnäckigkeit zum Erfolg zu gelangen. Wir brachen auf, mit fünf Tagen Proviant in den Rucksäcken, und dem festen Vorhaben am Gipfel des Elbrus zu stehen. Doch schon die Anfahrt zur Hütte versprach nichts Gutes. Der Himmel überzog sich mit immer dichteren Wolken, es wurde kalt und windig. Als wir schließlich am Ende des Sesselliftes ausstiegen, waren wir in dichten Nebel gehüllt. Der russische Ratrac zog vor uns die Spur zu Prejut 11 mit unseren Rucksäcken beladen, die wir mit etwas schlechtem Gewissen hinauftransportieren ließen.

Langsam stapften wir los, um die auf 4200 m gelegene Hütte zu erreichen. Im dichten Nebel stießen wir der Reihe nach auf die riesige Blechkonserve, die innen wie außen die gleiche Temperatur besaß. In diesem dreistöckigem Bau wurden wir in Vierbettzimmern untergebracht, mit richtigen Betten, bestehend aus Matratzen und Daunendecken. Wir hatten beschlossen, den Gipfel am nächsten halbwegs schönen Tag zu besteigen, in der Hoffnung, dieser möge recht bald kommen. Von der Höhe etwas angeschlagen gingen wir zu Bett, um am folgendem Tag den ersten Versuch zu starten.

Ein lautes Klopfen riß mich aus dem Schlaf, es war schon an der Zeit aufzustehen. Noch schlaftrunken schaute ich aus dem Fenster und mußte mit Bedauern feststellen, ‘Raus aus dem Schlafsack’, so ein herrliches Wetter, es war kaum zu glauben. Draußen ging kein Wind mehr, über Nacht hatte er den ganzen Nebel verblasen, übrig blieb eine eindrucksvolle Fernsicht auf die umliegenden Berge, und, noch viel beeindruckender, man sah den Doppelgipfel des Elbrus zum Greifen nahe.

Die 1400 Meter die uns trennten, schienen lang nicht so weit, und sobald wie möglich brachen wir auf. Einige von uns brachen mit Skiern auf. Ihnen hatte das Glück dazu verholfen, das richtige Zündholz zu ziehen, als wir die drei paar Ski auslosten. Wir anderen stapften los, über riesige weite leicht ansteigende Hänge empor. Es war still, es ging kein Windhauch, so ideale Bedingungen mußte man ausnützen, das war uns allen klar. Die Motivation war groß und selbstbewußt stiegen wir in für uns unbekannte Höhen empor. Bis 4800 Meter ging alles noch leicht, ohne sonderliche Anstregungen stieg man der Spur folgend empor, zu den Felsen die für uns diese aufregende Höhe darstellten. Nach kurzer Rast stiegen wir weiter, schon in viele kleine Gruppen aufgesplittert, entsprechend unseren verschiedenen Steiggeschwindigkeiten.

Für mich wurde der folgende Anstieg zu einem der anstrengendsten an die ich mich erinnern kann. Fast schlafend setzte ich den linken Fuß vor den rechten Fuß, linken Fuß, rechten Fuß, um nach ein bis zwei Minuten stehenzubleiben und nach Atem zu ringen. Georg und ich lieferten uns im Schneckentempo ein gegenseitiges Überholen, einmal er, einmal ich vorne, bis ich schlußendlich einmal meine wohlverdiente Rastpause übersprang und alleine vorpreschte. Nach vielen Mühen erreichte ich endlich den Ostgipfel, auf dem ich erschöpft niederbrach. Keine Zeit für das Panorama, geschweige denn ein Photo. Nach nicht einmal 5 Minuten. ging es schon wieder bergab, bei jedem Schritt die dichter werdende Luft verspürend. Nach dem ersten Steilhang stiegen Werner und ich gemeinsam die langen Firnhänge hinab, den Gipfel im Nacken. Das erlösende Gefühl zog langsam in uns ein, als wir uns Schritt für Schritt dem Tal näherten. Auf Prejut 11 angekommen stellte sich heraus, daß wir alle dreizehn den Gipfel erreicht hatten, wobei einige den entfernteren Westgipfel bestiegen hatten. Somit hatten wir alle unser Ziel erreicht, am höchsten Punkt Europas zu stehen, und das bei besten Verhältnissen.

Uschba

Nach einer erneuten Nacht auf der Hütte brachen wir ins Tal auf. Nach aufregenden Fahrten mit Sessellift und Seilbahn warteten wir auf unseren Bus, der uns ins Lager Elbrus zurückbrachte. Dort angekommen wurde erst einmal ausgerastet, bevor für einige von uns das zweite Abenteuer begann, nämlich die Besteigung der Uschba.Das Wetter war total unberechenbar geworden. Es regnete über Nacht, und ab neun Uhr in der Früh war das Wetter wieder wolkenlos. Es konnte auch erst untertags anfangen zu regnen, dann war das Wetter bis abends schlecht. Einen Großteil der Zeit waren die hohen Berge wolkenverhangen, und man konnte sich den Uschbagrat sehr plastisch vorstellen: meterweise überwächtet, das Biwak auf der Schulter im Unwetter ein zweifelhaftes Vergnügen, und bis dahin waren 30 Kilo schwere Rucksäcke zu tragen. Von den anfangs Begeisterten sprangen immer mehr ab, bis zuletzt nur noch Adi, Wolfger, Wolfi, Peter und Falko aufbrachen. Wir anderen hatten uns entschlossen, rings um das Lager das Gebiet zu erkunden. Man konnte sehr schöne und abwechslungsreiche Bergtouren und Wanderungen machen, am Morgen das Lager verlassen und am Abend schon wieder zurückkehren.

Die erste Bergtour machten wir auf einen idealen Aussichtsberg direkt vor der Scheldamauer. Von oben konnte man zum ersten Mal die Uschba sehen, wie sie ganz versteckt aus dem hinteren Teil der Scheldaschlucht herausragte. Wolkenfetzten zogen um sie herum, und man konnte die Schneefahnen am Grat erkennen. Wir waren zufrieden auf unserem Gipfelchen, vor uns die Scheldamauer, Uschba, Bscheduch, rechts der Dongusorun und hinter uns den ganzen Horizont füllend, den Elbrus. Ein gewaltiges Panorama, das mir und Georg vergönnt war.

Am nächsten Tag, bei strahlendem Wetter ging es zum Tscheget-Hotel, und von dort auf den Paß. Eine gemütliche Wanderung auf Almwiesen, und am Ende über breite Schneefelder. Durch den leichten Anstieg war dieser Paß ein beliebter Übergangspunkt um nach Georgien zu gelangen. Die ganze Wanderung war überragt vom Dongusorun, der sich majestätisch und gewaltig in den Himmel erhob. Die klare Sieben in der Mitte der Wand war ein einziger großer Hängegletscher, äußerst gefährlich und ausgesetzt. Vergeblich suchten wir mit unseren Ferngläsern die Wand ab, doch wir fanden weder Spuren, noch Kletterer.

Am Rückweg wanderten wir an türkisblauen Gletscherseen vorbei, in dem sich der Dongusorun spiegelte, und freuten uns schon auf den abendlichen Kreuzgang. Am Abend verbrachten wir die Zeit mit Watten und Lesen, wobei das Watten eindeutig am unterhaltsamsten war, jeder Stich begleitet von einem Biß in einen Schokoriegel, da das ganze einstimmig als Teil einer Bergtour deklariert worden war.

Unsere letzte Bergtour brachte uns wieder in das Adylsutal, wo wir am grünen Biwak schliefen, und von dort auf den dortigen Paß aufstiegen. Georg und ich brachen schon am frühen Morgen los, denn uns hatte ein schöner Firnhang ins Auge gestochen. Am grünen Biwak ließen wir unsere Schlafsäcke und Matten zurück und stiegen weiter, den Steinmandeln folgend. Weit hinein bis ans Ende des Tals ging es, und dann über Moränen zum Gletscher hinauf. Dort oben zogen wir die Steigeisen an und stiegen den 45 Grad geneigten Firnhang hinauf.

Oben angekommen konnten wir in das Nachbartal hinabsehen, und blickten auf eine ganz neue Kette eindrucksvoller Berge. Etwas westlich von uns lag der Paß in dieses Tal, auf den der Rest der Gruppe am nächsten Tag hinaufwollte. Bei strahlendem Wetter stiegen wir ab zum Biwak wo die anderen schon auf uns warteten.

Am nächsten Morgen stiegen Georg, Werner und ich wieder in Richtung der gestrigen Tour, um einen Nachbargipfel zu besteigen. Die Tour verlief ohne Zwischenfälle, am Abend trafen wir mit dem Rest der Truppe zusammen, die den Übergang Ins Nachbartal nicht gemacht hatte, da der Abstieg über den zerklüfteten Gletscher ohne Seil zu gefährlich war. Wohlbehalten kamen wir im Lager Elbrus zum letzten Mal von einer Bergtour heim. Auch die Uschbabesteiger waren zurückgekehrt, glücklich über den vollen Erfolg.

Abschied

Der Aufenthalt Im Lager näherte sich dem Ende, viele träumten schon vom Rückflug nach Wien. Nach einem Abschiedsfest mit den Russen, die noch länger blieben, brachen wir auf. Wir hatten noch einen Tag Aufenthalt in Moskau, bevor wir die Weiterreise nach Österreich antreten konnten. Doch selbst dieser Tag konnte unsere Freude nicht schmälern, mit Ungeduld warteten wir schon auf das vertraute Bild der Donau, und auf das noch vertrautere Wienerschnitzel.