Helmut Scharfetter d.Ä. – Die Sagwand, 3228m, 1925

Wenn ich sie vorstellen müsste, die Sagwand: Im Tuxerkamm, das westliche Ende des Bogens, der das innerste Valsertal (es mündet bei St. Jodok ins Wipptal) umgibt. Die Pfeiler dieses Bogens sind der Fußstein (richtiger: Fuirstein), der Schrammacher und die Sagwand.

Im Oktober 1903 hat der Mühlauer Badwirtssohn Ingenuin Hechenbleikner, damals noch Student, ein kühner und erfolgreicher Alleingeher – er war dem Schreiben so abhold, geht die Sage, daß manchmal seine Freunde dafür sorgen mussten, daß wenigstens seine Erstbegehungen im Jahresbericht des Akademischen Alpenklubs erschienen – Hechus hat also den langen Nordwestgrat der Sagwand als erster überschritten und damit auf die Sagwand aufmerksam gemacht, die als Gipfel unbedeutend, von Norden gesehen aber eine hohe Wand ist, die von drei Eisrinnen durchströmt wird. Sie ist senkrecht kräftig gegliedert, an Bändern aber sehr arm, ganz anders als die Schrammacherwand gleich daneben. 1)

Den Hechenbleiknergrat hat mir, ich war noch ein Stück weit unten im Gymnasium, mein erster alpiner Lehrer, cand. med. Albert Wotschitzky, gezeigt. Der letzte Turm hat mir Eindruck gemacht und ich dachte mir: Wie wird da Hechenbleikner getan haben?

Es könnte sein, dass das Beispiel Hechenbleikners nachgewirkt hat. Ich weiß es nicht sicher, aber als wir später einmal mit Piaz auf einem besonderen Weg auf den Vajolett-Ostturm gehen durften, war es nur ein halbes Vergnügen, weil ich dem ersten Überhang vorausgehend nie gewachsen gewesen wäre. Der Vajolett-Ostturm war ein Verstoß gegen das Autós ho anér – Selbst ist der Mann! 2)

Gegen Mitte August 1925 standen mein Bruder und ich eines Tages ungefähr dort, wo der Alpeinerbach entspringt und studierten den Nordanstieg auf die Sagwand. Bis zum oberen Ende der mittleren Eisrinne war der Weg klar, dort aber war’s mit mächtigen Überhängen offensichtlich aus. So schien es mir. Meinem Bruder aber nicht, denn nach einem Weilchen ließ er sich vernehmen: “Führt nicht nach links hinaus ein Band?”
So war es auch, und es ist mir heute noch leid, daß mein Bruder nicht mit war, als gleich darauf dem Klubbruder Harold und mir die Sagwand von Norden her gelang.

Dem ausgezeichneten Verfasser der “Zillertalergruppe für den Hochtourist” ist hier ein Fehler unterlaufen: das Band führt nach links hinaus und nicht nach rechts. Macht aber nichts, denn wenn einer bis in die Höhe des Bandes gekommen ist, wird er die Zwölfzacker ausziehen – zu unserer Zeit hat es erst die Eckensteigeisen aus Tragöß gegeben – und das Band benützen. Es ist ein Schotterband, “über das man mit einem Kinderwagen fahren kann”.

Als wir bei Dunkelheit und sanftem Regen mit der “Funzel” über das Gelammer unter dem Aschatenferner gestolpert waren und die Zeischhütte suchten, war es schon bald gegen früh, sodaß uns der nasse Stehplatz 50 Meter ober der Alm auch nicht mehr zu lang wurde.

Hinterher hörten wir, daß Klubbruder Siegfried Hohenleitner – seit der Gymnasialzeit unter dem Namen “Ketzer” bekannt – unseren Weg mit dem Glas verfolgt hatte, bis wir hinter dem Regenschleier verschwunden waren. Es war ein Freundesdienst – ohne Worte.

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1) Erste Begehung 1895 durch Fritz Drasch mit dem Bergführeraspiranten Johann Lechner. So zu lesen, schmucklos, aber anschaulich und damit eindrucksvoll, in der Ö.A.Z. 1896, S. 101 und 113

2) Goethe, Faust, II, 4 (Kaiser)