Auf wilden Wassern durch den Himalaja

 Ulrich Schwabe berichtet

Kajaksport im Wildwasser

Der Grund für das späte Erscheinen des Kajakfahrers im Himalaja ist technischer Natur. Wohl kennt man das Befahren von Wildwassern seit dem Aufkommen des Faltbootes vor etwa 5O Jahren. Man hat auch gerüchteweise von zwei Engländern gehört, die beim Versuch, den Indus mit einem Faltboot zu befahren, ertranken. Aber erst mit dem Bau von leichten, wendigen und trotzdem starren Kunststoffbooten war eine Ausweitung des Kajaksportes auf Flüsse mit Schnellen und Schwällen möglich geworden. In Zusammenhang damit stand die Entwicklung der Wildwassertechnik; erst mit ihrer Vervollkommnung auf den Flüssen der Alpen konnte an eine Erprobung auf unbekanntem gefährlichem Terrain gedacht werden.

Unsere Expedition und die politischen Randbedingungen

Zum erstenmal wagte sich im Sommer 1971 eine Paddlergruppe in den Himalaja. Sie stand unter der Leitung von Raimund Margreiter. Die weiteren Mitglieder der Gruppe waren: Horst Hupfauf, Klaus Juranek, Harry Flory, Helmut Ohnmacht und die Klübler Hansjörg Moser und Ulrich Schwabe. Es war uns schon lange vor der Abfahrt klar, daß das Tätigkeitsfeld der Expedition von dem bisher nicht beigelegten Streit um den Besitz Kaschmirs und der augenblicklichen politischen Spannung zwischen Pakistan und Indien abgesteckt war. Es wurde außerdem beeinträchtigt durch die Nähe der Feuerlinie im Osten und die Nähe der chinesisch-pakistanischen Grenze im Norden. Immerhin erlaubten uns die in Rawalpindi ausgestellten Bewilligungen die Befahrung der Indus-Nebenflüsse: des Swat und seiner Quellflüsse Gabral und Uhsu, des Astor, des Gilgit mit seinen Quellflüssen Yasim, Ishkoman und Hunza sowie das Befahren des Indus selbst. Skizze des Zielgebiets der Himalaja-Paddel-Expedition.

Anreise

Gewissermaßen als Basislager war Gilgit vorgesehen. Die Straße dahin, von Pakistan aus die einzige Landverbindung mit China, wird zur Zeit ausgebaut zum echten Instrument der Politik. Die Fahrt über diese “Straße” kann man sich vorstellen: Ganz aus dem Fels herausgesprengt, verläuft sie 100 bis 200 Meter oberhalb des Bachbettes des Indus; Seitentäler werden nicht überbrückt, sondern den Hang entlang umfahren; kein Wunder, daß wir für 300 Kilometer mehr als 30 Stunden brauchten. Aber schließlich erreichten wir Gilgit doch, wo wir Hansjörg, Klaus und Heli trafen, die ja mit dem gesamten Gepäck außer den Booten von Rawalpindi hergeflogen waren, um das Basislager vorzubereiten.

Hochwasser

Gilgit, 1400 Meter hoch gelegen, ist mit seinen 10.000 Einwohnern die Haupstadt der Gilgit Area” und Sitz der Verwaltung. In einem Rasthaus nehmen wir Quartier. Hier wurde Kriegsrat” gehalten. Unsere Stimmung war leicht bedrückt. Die Partie mit dem Bus hatte während der vier Tage in Saidu Sharif und in Besham bereits einige Erfahrungen gesammelt – nicht die besten. Sie hatte wohl von Saidu Sharif aus einen der beiden Quellflüsse des Swat, den Gabral, befahren, der sich als herrliches Wildwasser vom V. Schwierigkeitsgrad erwies, aber sie hatte die Befahrung des Swat selbst wegen Hochwassers unterlassen müssen. Außerdem hatte sie auch Bekanntschaft mit dem ebenfalls Hochwasser führenden Indus gemacht und ihre Paddelfahrt nach wenigen hundert Metern aufgeben müssen. Es war geradezu Tollkühnheit, sich mit den zerbrechlichen Kajaks auf einen Fluß zu wagen, dessen zwei Meter hohe Brandungswellen das Einsetzen der Boote fast unmöglich machte.

Unsere Pläne

Diese erste Begegnung mit dem Indus war also wenig ermutigend gewesen. Nur dem Anblick des Nanga Parbat, der sich bei Chilas aus einer Entfernung von wenigen Kilometern den begeisterten Tirolern fast wie eine Vision darbot, war es zu verdanken, daß die Stimmung nach solchen Erfahrungen nicht fast auf den Nullpunkt sank. Wir beschlossen, das Ende des Hochwassers auf dem Indus abzuwarten und inzwischen den Gilgit mit seinen Quell- und Nebenflüssen und darüber hinaus auch den Astor zu befahren. Dann wollten wir uns erneut teilen: Die eine Gruppe sollte mit dem Bus nach Attock fahren und auf dem Weg dorthin sich ein zweitesmal auf dem Swat versuchen, die zweite Gruppe sollte die Boote in Skardu einsetzen und den Indus bis Attock befahren. Voraussetzung dafür war allerdings ein Sinken des Hochwassers um mehrere Meter. Darauf aber durften wir hoffen, denn in den letzten Tagen hatten wir ein Sinken des Wasserpegels um fast einen halben Meter pro Tag feststellen können.

Befahrene Strecken, 1. Teil

Zwischen 28. August und 6. September 1971 konnten wir mit dieser Arbeitseinteilung folgende Flüsse befahren (die römischen Ziffern geben jeweils den Schwierigkeitsgrad an):

  • HUNZA: (Nebenfluß des Gilgit): 3. September: Von Nomal in einer Höhe von 1600 m bis zur Einmündung in den Gilgit (1350 m Seehöhe) wurden 25 Kilometer zurückgelegt (V). Das Wasser des Hunza kommt direkt von den Gletschern des Karakorums. Es führt Moränensand mit sich und ist dunkel und schmutzig.
  • ISHKOMAN: 7. September: Von der Mündung in 2 100 m Höhe 21 Kilometer weit bis zur Einmündung in den Gilgit (1900 m Höhe). Schwierigkeitsgrad V.
  • YASIM: 6. September: Von Yasim (2700 m) bis Gupis (2350 m), 22 Kilometer (V).
  • GILGIT: 6. bis 8. September und 4. September: Von Guspis bis zur Einmündung in den Indus (Gefälle von 2350m bis 1250m). Insgesamt legten hier die Boote 135 km bei Schwierigkeitsgraden von V bis VI zurück.
  • ASTOR: 10. September – ASTOR. Von Gurikot in einer Höhe von 2350 m waren wir 27 Kilometer flußabwärts gepaddelt. Die Schwierigkeit liegt zwischen V und VI und ist etwa mit der Ötztaler Ache zu vergleichen. Zahlreiche kataraktähnliche Felsstufen und eine starke Verblockung machten uns zu schaffen. Nach 27 Kilometern strömt der Astor in eine steile, 15 km lange Schlucht, die nicht befahrbar ist.

Flusslandschaft

Das Gilgittal ist ein in Paragestein eingeschnittenes tiefes V-Tal, das im unteren Teil, etwas südlich von Gilgit, eine alluviale Verbreiterung erfahren hat. Im oberen Teil ist es Bergstürzen und Schotterschüben aus Seitentälem ausgesetzt, die als natürliche Dämme das Wasser stauen und zu Ablagerungen im Flußbett führen. Irgendwann durchbricht der Fluß diesen Damm und verlegt sein Bett tiefer. Das so freigelegte Schwemmland wird von der fleißigen, anspruchslosen Bevölkerung in unendlicher Geduld kultiviert. So fanden wir Paddler immer wieder mitten zwischen nackten Felsen grüne Flecken kultivierter Erde, meist terrassenförmig gestaltet, auf denen Trauben, Äpfel, Nüsse und Mais wuchsen.

Bevölkerung

Die Menschen des Gilgittales und der Seitentäler sind freundlich und ehrlich. Sie scheinen nichts zu entbehren und nichts zu begehren. Die Berge mit ihren weißen Gipfeln sind ihnen gleichgültig. Als Moslems sehen sie in ihnen keine „Throne der Götter”. Sie finden kein Verständnis für den Hochalpinisten, der schwerbepackt das Tal entlang wandert, um einen Berg zu erobern. Uns Kajakfahrern aber begegneten sie nicht nur mit Neugier, sondern auch mit Sympathie. Unser Unternehmen, die Bezwingung der Wildwasser, überzeugte sie, da diese Art Flußbezwingung auch für sie einen Sinn hat: die Erweiterung ihres Lebensraumes. Zwar liefern diese Flüsse diesen Menschen das notwendige Wasser, aber sie trennen sie auch von ihren Feldern und zwingen sie zu weiten Umwegen. Jung und alt verfolgte daher an den Einsetzstellen unser Tun mit größter Aufmerksamkeit. Sie waren überrascht, mit welch scheinbarer Leichtigkeit wir Stromschnellen und Strudel überwanden.

Befahrene Strecken 2. Teil

  • INDUS: 12. bis 17. September: Von Skardu (2400 m) bis zur Indusschlucht (2300 m) 30 Kilometer (11 und V); von der Induswüste bis zum Beginn der Rakiotschlucht 22 Kilometer (II); von Chilas bis zum Beginn des Indusdurchbruches: 71 Kilometer (II bis III); von Chakai bis Tarbela: 170 Kilometer (V bis VI).
  • SWAT: Unterhalb Kalam (2080 m) bis Saidu Sharif (860 m): 85 Kilometer (V).
  • GABRAL: Von Gabral (2300 m) bis Kalam (2060 m) 24 Kilometer (V).

Den Indus befuhren wir in zwei Gruppen. Gruppe A (Hansjörg, Harry und Ulrich) fuhr mit dem Jeep 180 km weit nach Skardu nahe der berüchtigten Feuerlinie, um von dort aus den Indus hinunterzupaddeln. Gruppe B (Raimund, Helmut, Horst und Klaus) fuhr mit dem Bus von Gilgit zur Rakiotbrücke, wo die Boote eingesetzt werden sollten. Am Anfang des Indusdurchbruches sollten sich die beiden Gruppen wieder treffen.

Auch hier gab es zahllose Überraschungen: Bei Skardu fließt der Indus in einem weiten Becken träge und verästelt dahin. 30 km flußabwärts verengt sich das Tal und geht in eine 150 km lange, tiefe Schlucht über; von 1000 Metern Breite verengt sich der Fluß auf 20 Meter. Welche Geschwindigkeit die Wassermassen hier haben, läßt sich denken. Diese Schlucht ist nicht befahrbar.

Erst vor der Induswüste, die bei der Gilgitmündung beginnt, kann wieder eingesetzt werden. Hier ist der Indus 70 Meter breit. Nach 20 Kilometern müssen wir jedoch wieder aussteigen, da die Rakiotschlucht auf 30 Kilometern Länge unbefahrbar ist. Dann setzen wir abermals unsere Boote ein und gelangen nach 71 Kilometern Paddelfahrt zum Beginn des Indusdurchbruchs, wo wir die Gruppe B treffen.

Hier hatte der Indus bereits zwölf Fuß Wasserstand verloren (ca. 3,60 m). Trotzdem stellten die Verhältnisse im Durchbruch noch enorme Anforderungen an die Kajakfahrer. Bereits das Einsetzen der Boote war wegen der hohen Brandung ein Problem, das aber mit Hilfe des ,HimalajaStarts” gelöst werden konnte. Diese Starttechnik besteht darin, daß man das Boot nicht ins Wasser setzt, sondern auf einen 1 bis 1,5 Meter aus dem Wasser ragenden Felsblock stellt, sich fertig macht und dann das belastete Boot ins Wasser rutschen läßt. Aber auch hier gab es zahlreiche unbefahrbare Felsstufen, deren Überwindung durch Schleppen der Boote in unwegsamem Gelände viel Zeit und Mühe verursachte.

In Besham verläßt die Straße den Indus. Am 15. September folgt Gruppe B mit dem Bus nach Swat, nimmt ein Boot mit und hofft auf die Befahrung des Swat bei günstigem Wasserstand. Die Gruppe A paddelt die letzten 200 Kilometer bis Attock mit vollbepackten Booten den Indus abwärts. Sie trifft dabei auf längere Schwallstrecken, die aber bis auf drei alle befahren werden können. Nach der Unterquerung der Dammbrücke der großen, noch im Bau befindlichen Talsperre von Tarbela kommt Attock in Sicht. Der Indus ist hier fast 2000 Meter breit. Am 17. September landeten wir in Attock. Noch am gleichen Tag abends kam Gruppe B an. Sie hatte die Busfahrt in Saidu Sharif unterbrochen und den Swat von Kalam an bei günstigen Verhältnissen befahren können.

Neugierig bestaunen die Einheimischen die wendigen Boote.