Allein im Massiv des Mawenzi

Im Spätwinter 1973 fuhren 35 Innsbrucker Bergsteiger in das Gebiet des Kilimandscharo. Im Rahmen dieser Fahrt, an der mehrere Klübler teilnahmen, gelang Klubbruder Karl Gabl am 16. Februar die Alleinbegehung mehrerer Gipfel im MawenziMassiv: Latham Peak (S. 066 m), Klute Peak (S. 094 m), Borchers Peak (5.114 m) und Purtscheller Peak (5.120m).

Karl Gabl

Anmarsch

Zwei Tage gemütlichen Wanderns liegen hinter mir, als ich um fünf Uhr morgens das Zelt bei der Petershütte auf 3.750 m verlasse. In zügigem Tempo steige ich allein dem Mawenzi entgegen, einem fast zur Gänze erodierten Vulkan, dessen innerster basaltischer Kern im Verlauf der Jahrtausende erhalten blieb und nun eine gewaltige Felsmauer von 500 Metern Höhe darstellt. Nach knapp dreiviertel Stunden verlasse ich den zur Kibohütte hinaufführenden Weg und quere zu der noch dunkel und drohend aufragenden Wand. Meine gute körperliche Verfassung, der leichte Rucksack, die beginnende Morgendämmerung und der herrliche Blick auf den im Westen liegenden Kilimandscharo lassen mich die Sorge um die Routenführung vergessen. Weit unten entdecke ich nach einiger Zeit das helle Dach der Mawenzihütte.

Die Kletterei

Durch eine steile, mit hartgefrorenem Schnee bedeckte Rinne im oberen Teil des West-Corrie erreiche ich die Felsen unterhalb der bizarren, Pinnacles genannten Felsnadeln. Langsam arbeite ich mich an den zum Teil stark vereisten Felsen empor und umgehe die nach Sektionen des C. A. I. benannten Türme auf ihrer Westseite. Ohne Seil oder Reepschnüre beginne ich mit der Überschreitung zum Hauptgipfel. Schon vor Erreichen des Latham Peak tauchen Zweifel in mir auf, ob ich den Übergang zum Klute Peak bewältigen kann. Die Finger im vereisten Fels verkrallt und mit den Füßen kleine Tritte schlagend gelingt es mir, in die Scharte abzusteigen. Die Sonne, die mich wärmt und aufheitert, der Blick zu vegetationsreichen Tälern hinunter, hinaus bis in die Ebenen Kenias, und nicht zuletzt das Gefühl der völligen Einsamkeit, versetzen mich in einen Traumzustand. Zielstrebig und sicher erklettere ich den Klute Peak und den Borchers Peak.

Der nächste Abbruch, total vereist und nahezu senkrecht, reißt mich aus meinen Träumen. Zudem fällt noch Nebel ein und kündigt die am Nachmittag auftretenden Tropengewitter an. Ich muß mich beeilen. Auch mache ich mir Vorwürfe, weil bei meinem Ausbleiben die Kameraden auf der Kibohütte eine Suchaktion organisieren würden. Zögernd klettere ich Meter um Meter ab und führe Selbstgespräche, um mich anzuspornen. Ich bitte die Griffe, unter meinem Gewicht nicht nachzugeben. Mit dem Erreichen der Scharte schwindet die Angst vor dem lockerig bröseligen Fels und bald stehe ich auf dem Gipfel des Purtscheller Peak. Mein Höhenmesser zeigt 5.120 m. Der Nebel wird immer dichter, und aus Sorge, nicht rechtzeitig zurückzukehren, verzichte ich auf den Hauptgipfel des Mawenzi.

Jetzt gilt es nur noch einen Abstieg zu finden. Eine dafür geeignete Rippe hört plötzlich auf und beendet die Traverse. Mit größter Vorsicht steige ich in etwas leichterem Gelände ab. Ich kann schon ein Kar unter mir erkennen, als ein 100 Meter hoher Abbruch meinen weiteren Abstieg vereitelt. Ich klettere wieder zurück, aber auch weiter südlich finde ich keinen Durchstieg. Ich bin bedrückt und müde vom langen Suchen, und die Angst beginnt in mir wieder hochzusteigen. Beim dritten Versuch endlich, noch etwas südlicher, sind meine Bemühungen von Erfolg gekrönt. Ich habe eine alte Abseilschlinge entdeckt. Nach wenigen Minuten befinde ich mich in sicherem und leichtem Gelände im obersten Teil des NW-Corries.

Stolz und glücklich über meinen Erfolg wandere ich zu meinen Kameraden auf der Kibohütte.